Zwischen Pride und Paranoia
homo.net Info vom 16. Oktober 2025
von Webmaster Jan
Ende September wurden überraschend die zentrale Pride-Parade von Ho-Chi-Minh-Stadt sowie mehrere weitere LGBT-Veranstaltungen abgesagt. Diese Entscheidung nährte schnell Spekulationen, die vietnamesischen Behörden könnten sich von einem Jahrzehnt vorsichtiger Toleranz gegenüber LGBT-Rechten zurückziehen. Doch in der Hauptstadt Hanoi fand eine vergleichbare Parade statt, was auf eine komplexere Lage hindeutet.
In den letzten Monaten erlebten viele Länder Asiens eine Welle von Protesten und gewaltsamen Demonstrationen junger Menschen. In Nepal etwa wurde im vergangenen Monat so die Regierung gestürzt. Auch in Indonesien, auf den Philippinen und in Osttimor führten Wut über Ungleichheit und Korruption zu tödlichen Unruhen.
Vietnams Jugend gilt hingegen als optimistisch, systemtreu und politisch eher passiv. Dennoch ist die Regierung in Alarmbereitschaft: Im vergangenen Jahr kam es zu einem Generationswechsel an der Spitze der Kommunistischen Partei Vietnams. Der frühere Sicherheitschef To Lam wurde Parteichef und leitete eine „gezielte Kampagne zur Auslöschung von Reformern der Zivilgesellschaft“ ein.
Bisher war es für Vietnam von großem Vorteil, bei internationalen Verhandlungen auf seine Fortschritte im Bereich der LGBT-Rechte verweisen zu können:
2015 wurde das Zivilrecht geändert, um Geschlechtswechsel rechtlich anzuerkennen. Gleichzeitig wurde das Verbot gleichgeschlechtlicher Ehen aufgehoben. Schwule Paare sind auch ohne formale Ehe in vielen Bereichen Eheleuten (fast) gleichgestellt.
Der 3. August 2022 war ein besonderer Tag: Das vietnamesische Gesundheitsministerium hat die Gesundheitsbehörden der Provinzen und Städte sowie zahlreiche medizinische Einrichtungen darüber informierte, dass Homosexualität keine Krankheit ist, nicht geheilt werden kann und auch nicht geheilt werden muss. Es gibt keine Möglichkeit, sie zu verändern. Diese Erkenntnis hatte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) auch erst 1992 gewonnen.
Das Ministerium forderte medizinische Einrichtungen dazu auf, Aufklärungsarbeit zu leisten, um Ärzte, medizinisches Personal und Patienten korrekt über Homosexualität, Bisexualität und Transidentität zu informieren und so Gleichberechtigung und Respekt in der Versorgung von LGBT-Personen sicherzustellen.
Auch in der Bevölkerung ist die Stimmung eher positiv: Im vergangenen Jahr unterstützten bereits rund zwei Drittel der Vietnamesen die Einführung der Ehe für alle.
Die Absagen der Pride Veranstaltungen in Ho-Chi-Minh-Stadt dürften daher eher Ausdruck einer allgemeinen Furcht vor großen, jugendlichen Menschenmengen gewesen sein und keine gezielte Feindseligkeit gegenüber Homosexuellen.
Trotzdem wachsam bleiben
Jan
Webmaster
vom homo.net Team

